Richtiges Sichern

…vor allem in Bodennähe – ein Thema, das wir aus aktuellem Anlass aufgreifen wollen, denn selbst unser “sicheres Sicherungsgerät”, der Smart, hat am Wochenende einem Kletterer einen Fall bis zum Boden beschert. Dazu hat der Kletterpartner alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, aber dann helfen auch sichere Sicherungen nicht mehr.

“Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.” (Ringelnatz)

Zum Thema hat der DAV ein Video ins Netz gestellt, das die Risiken, die zu wenig gesehen werden (die ersten Meter) gut verdeutlicht, besonders wenn man beim Ansehen das herauszieht, was nicht deutlich und oft genug gesagt werden muss: ein Sturz auf den allerersten Metern kann schneller mit Verletzungen enden, als einer aus recht großer Höhe (vorausgesetzt, das Sicherungsgerät wird beherrscht). Wichtig ist, dass kurze Sicherungsabstände in der Halle Sicherheit suggerieren, die aber keine ist, weil Einklicken des Seils am überstreckten Arm, Schlappseil, falsche Standposition des Sicherers gepaart mit Seildehnung und vielleicht noch fehlendem Fallschutz oder glattem Boden schnell einen Sturz auf Null  (und darunter) verursachen.

Das Video zeigt gut die Gefahr bei zu frühem Klicken und im Vergleich wird deutlich, was an Fallhöhe entsteht. Vernachlässigt wird u.a. die Seildehnung, durch die der Kletterer vermutlich in Version 1  (hier abgestiegen und nicht gefallen!!) direkt neben dem Sicherer angekommen wäre, hätte es sich um einen realen Sturz gehandelt. Wichtig: der Sicherer hätte für diesen Worst Case noch nicht einmal unaufmerksam sein oder einen Fehler machen müssen!

Wir würden zum Video daher noch einige Dinge zusätzlich zu bedenken geben, die die Sturzhöhe weiterhin beeinflussen:
* Die Position des Sicherers während der ersten Meter ist entscheidend, Steht dieser zu weit von der Wand entfernt, kommt diese Entfernung zur Sturzhöhe hinzu, weil er in den meisten Fällen an die Wand gezogen wird. Wichtig ist eine Abstimmung der Kletterpartner darüber, wie man die ersten beiden Exen sichert. Je nach Abstand und  Fallschutzsituation kann es sogar sinnvoll sein, das Seil noch gar nicht straff zu ziehen, weil dem Kletterer ein Sturz ins Seil (schmerzhaft!) erspart bleibt. Fehlt der Fallschutz oder ist Sicherung 2 bereits viel zu hoch, kommt das nicht infrage. Hier ist Eigenverantwortung gefragt! Steht der Sicherer an der ersten Sicherung zwecks möglichst kurzem Weg direkt unter der Route, fällt der Kletterer direkt auf einen selbst…auch das wird oft nicht bedacht.

* Schlappseil oder nicht? Besonders im Vorstieg haben eingespielte Teams hier Vorteile… Während des Herausziehens des Seils entsteht zwangsläufig Schlappseil. Das aber gut zu “portionieren” und ggf. zu sehen, wann der Kletterer doch ein Problem bekommt und man besser schnell Seil einzieht, anstatt weiter auszugeben, bedarf großer Aufmerksamkeit und Konzentration auf den Kletterer! Der beste Begriff dafür: Nabelschnur (danke, Christian…)… wer diesen Zustand als Kletterteam erreicht hat und am Seil spürt (sensible Hand), was zu tun ist, ist eindeutig im Vorteil.

Beobachtenswert: wieviel Schlappseil entsteht beim Klicken, selbst bei Klicken in günstiger Höhe?
Allein durch die Art, das Seil herauszuziehen, um zu klicken, kann und ensteht zusätzlich Schlappseil (zum komfortablen Klicken benötigte Länge). Man muss dazu nur beobachten, wieviel Seil man NACH dem Klicken im Vorstieg wieder einziehen muss, damit der Kletterer in einer Seilhängeposition kommen würde (Kommando “zu”). Als Faustregel kann man ca.10% der ausgezogenen Klicklänge (Weg zwischen Einbindeschlaufe, zu klippende Exeden und den letzten Sicherungspunkt) ansetzen.

Das heißt konkret bei Exenabstand 1,50m und Sicherer, der ohne Schlappseil direkt an der Wand steht:
Fall 1 (Klicken in Hüfthöhe): 1,50m Seil von der letzten Umlenkung ab gerechnet + bis 50cm Abstand zum Gurt + 10% = 2,20m Schlappseil
Fall 2 (Klicken in Schulter-/Kopfhöhe): 1,50m Seil von der letzten Umlenkung ab gerechnet + mind. 70cm Abstand zum Gurt + 10% = 2,42m Schlappseil
Fall 3 (Klicken mit getrecktem Arm): 1,50m Seil von der letzten Umlenkung ab gerechnet + bis 1.30 cm Abstand zum Gurt + 10% = 3,08m Schlappseil
(Bilder zur Veranschaulichung…kleine Rechenaufgabe dazu: Ab welcher geklickten Sicherung fällt man ohne Bodenberührung?)

Das heißt, inklusive Seildehnung gerechnet, landet ein Kletterer bei einem Sturz bis Sicherung 3 in jedem Fall direkt am Boden (und das ohne Schlappseil vom Sicherer, ohne Sicherungsfehler und einem Sicherer der stabil stehen bleibt.)!

* Das immer noch zu wenig bedachte Thema: Sicherungsgerät. Es gibt viele (zum Teil immer noch schlechte) Kletterkurse, aber wenige Sicherungskurse (hier wird Klettern als TRENDSPORT zum Geldverdienen genutzt…). Oftmals sichern auch Personen, die selbst weniger Klettererfahrung haben, die noch weniger als erfahrene Kletterer wissen, wie sich etwas anfühlt, was wann passiert und was wann am besten getan wird. Umso wichtiger ist es, dass man das richtige Sicherungsgerät für sich findet (es gibt nicht DAS Sicherungsgerät, auch wenn jedes sein Für und Wider hat und wir immer wieder den Smart empfehlen würden, mit gerade dem aber am Wochenende der Unfall passiert ist). Wir bieten darum Sicherungskurse an, bei denen Sicherungsgeräte getestet werden können und man in die Eigenheiten des Gerätes eingewiesen wird, für das man sich entscheidet und das man möglichst auch nicht wechseln sollte.

Und: bei “sichere mal schnell” sollten alle Alarmglocken läuten!!!  Wer unsicher ist, sollte sichern üben, aber mit fachkundiger Hilfe an seiner Seite (einem zweiten Nachsicherer, der eingreifen kann und mit einem Kletterer in einer vorerst leichten Route) und vor allem Nachstieg UND Vorstieg Sicherungs Technik üben!

Sicher sichern heißt allerdings noch viel mehr. Der Sicherer trägt die Verantwortung für den, der gerade klettert, was auch heißt, dass er die Klettertour unterbrechen sollte, wenn sich zwei Kletterer in parallelen Routen im Vorstieg befinden und gegenseitig behindern oder gar verletzen können, man den Kletterer daran hindert, falsch geklickte Sicherungen an gefährlichen Stellen umzuhängen, anstatt sich vorher anderweitig zu sichern oder vieles mehr. NUR den Sicherer gibt es nicht, prinzipiell klettern immer BEIDE Kletterpartner, sobald einer von beiden in die Route einsteigt. Und Verantwortung für den, der (besonders in Hallen) neben einem klettert, ist nicht immer nur Höflichkeit oder Hilfe für den anderen, sondern oft auch Eigenschutz.


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